Stundensatz-Fragen sind unangenehm. Zu hoch fühlt sich arrogant an. Zu niedrig fühlt sich unseriös an. Also nennen die meisten Freelancer irgendeinen Betrag, den sie sich irgendwie zusammengedacht haben — meistens orientiert am untersten Marktpreis, den sie je gehört haben.
Das Problem: Ein Stundensatz, der nur gerade so die Rechnungen deckt, ist kein nachhaltiges Geschäftsmodell. Er ist ein Countdown zur Erschöpfung.
Warum die meisten Freelancer zu wenig verlangen
Es gibt drei häufige Fehler bei der Stundensatz-Berechnung:
- Angestellten-Denken: „Ich habe früher 25 € die Stunde verdient, also verlange ich als Freelancer 30 €." Ignoriert dabei: Als Angestellter hattest du Urlaub, Krankenversicherung, Pension, Geräte, Weiterbildung — alles bezahlt vom Arbeitgeber. Als Freelancer zahlst du das selbst.
- Die Lücken übersehen: Nicht alle Stunden sind fakturierbar. Akquise, Administration, Buchhaltung, Wartezeiten — diese Stunden kosten Zeit, bringen aber kein Geld. Wer das ignoriert, verrechnet sich stark.
- Markt statt Bedarf: Viele orientieren sich am Markt, ohne zu wissen, was sie selbst brauchen. Das führt zu Stundensätzen, die vielleicht marktüblich sind — aber das eigene Leben nicht finanzieren.
Die Formel: Kosten + Gewinn + Ausfallzeiten
Der richtige Stundensatz folgt einer einfachen Logik: Du musst wissen, was du brauchst — dann rechnest du zurück, was pro Stunde nötig ist.
Schritt 1: Jahresbedarf berechnen
Was brauchst du pro Jahr, um gut zu leben? Das umfasst: Lebenshaltungskosten, Krankenversicherung, Pensionsvorsorge, Geräte und Software, Weiterbildung, Steuern, Urlaub und Puffer. Schreib das alles auf. In Österreich liegt ein realistischer Jahresbedarf für Freelancer oft zwischen 50.000 und 90.000 Euro — je nach Lebensstandard und Branche.
Schritt 2: Fakturierbare Stunden schätzen
Ein Jahr hat 52 Wochen. Zieh ab: Urlaub (4–6 Wochen), Feiertage, Krankheit (1–2 Wochen), und nicht-fakturierbare Arbeitszeit (Akquise, Admin, Meetings ohne Rechnung). Realistisch sind für die meisten Freelancer 900 bis 1.200 fakturierbare Stunden pro Jahr. Nicht 2.000.
Schritt 3: Stundensatz errechnen
Formel: Jahresbedarf ÷ fakturierbare Stunden = Mindeststundensatz
Beispiel: 72.000 € ÷ 1.000 Stunden = 72 € pro Stunde Minimum
Das ist der Mindeststundensatz. Der Stundensatz, bei dem du nicht wächst, nicht investierst, und keinen Puffer hast. Der tatsächliche Stundensatz sollte 20–40 % darüber liegen — für schlechte Monate, größere Anschaffungen, und um nicht dauerhaft am Limit zu arbeiten.
Marktvergleich: Was verlangen andere?
In Österreich bewegen sich Freelancer-Stundensätze je nach Branche und Erfahrung grob in diesen Bereichen (2026):
- Webdesign / UI-Design: 60–120 € pro Stunde
- Webentwicklung (Frontend/Backend): 75–150 € pro Stunde
- Texten / Copywriting: 60–120 € pro Stunde
- Marketing / Social Media: 50–100 € pro Stunde
- Unternehmensberatung / Strategie: 90–200 € pro Stunde
- IT-Beratung / Projektmanagement: 85–180 € pro Stunde
Diese Zahlen sind Richtwerte. Wer mehr Erfahrung, eine klarere Positionierung oder spezialisiertes Wissen hat, kann und sollte mehr verlangen. Wer am unteren Ende arbeitet, konkurriert meistens über den Preis — das ist ein Race to the Bottom, den niemand gewinnt.
Stundensatz kommunizieren: Ohne Entschuldigung
Der häufigste Fehler bei der Preiskommunikation: entschuldigend oder zögerlich auftreten. „Ich würde meinen Stundensatz eigentlich auf 95 Euro ansetzen, aber da bin ich auch flexibel..." — das ist kein Preis, das ist eine Einladung zum Verhandeln.
Konkrete Tipps für die Preisgespräche:
- Preis klar und direkt nennen: „Mein Stundensatz beträgt 95 Euro netto." Punkt. Keine Begründung, keine Entschuldigung.
- Auf Ergebnis fokussieren, nicht auf Zeit: Wenn möglich, nenn Projektpreise statt Stundensätze. Kunden kaufen lieber ein Ergebnis als Zeit.
- Nicht sofort nachgeben: Wer auf den ersten Widerspruch hin seinen Preis senkt, signalisiert, dass der Ursprungspreis nicht gerechtfertigt war.
- Begründe Qualität, nicht Zeit: „Ich arbeite schneller als jemand ohne meine Erfahrung" ist ein Argument gegen einen niedrigen Stundensatz, nicht für einen.
Ein Stundensatz, der zu deinen Kosten und deiner Erfahrung passt, ist kein Luxus. Er ist die Voraussetzung dafür, dass du langfristig gut arbeitest.
Fazit: Ehrlich rechnen, klar kommunizieren
Den richtigen Stundensatz zu finden braucht keine Magie — es braucht Ehrlichkeit. Ehrlichkeit darüber, was du wirklich brauchst, wie viele Stunden du tatsächlich verrechenst, und welchen Wert deine Arbeit hat.
Wer zu billig arbeitet, hat mehr Kunden aber weniger Zeit und Energie. Wer seinen Preis kennt und kommuniziert, zieht die richtigen Kunden an — solche, die Qualität wollen und dafür zahlen.
Wenn du unsicher bist, wie du dein Angebot kommunizieren und bepreisen sollst, ist das genau das, was wir im Erstgespräch angehen können.